Das Abwägen einer Zweiflerin – Teil 2

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Sinn und Nutzen des interaktiven Whiteboards werden allerorten kontrovers diskutiert. Unsere Autorin Johanna, aufgewachsen in der “Kreidezeit” und eher skeptisch veranlagt, wägt für uns Vor- und Nachteile der digitalen Tafel ab. Im ersten Teil beschäftigt sich Johanna mit den Vorzügen des IWB. Allerdings konnten sie von 13 gängigen Pro-Argumenten nur vier wirklich überzeugen. In diesem Teil nimmt Johanna die Nachteile unter die Lupe, die in der Diskussion über die IWBs in den Medien eine große Rolle spielen. Ist das IWB “Top” oder “Flop” – wie wird sich unsere Autorin am Ende entscheiden?

Unzureichende Schulungen
Menschen mussten schon immer Dinge erlernen. Sie lernten, wie man Feuer macht, wie man ein Rad baut und wie man Auto fährt. Außerdem geben sie ihr Wissen weiter: Eltern zeigen es ihren Kindern, man beginnt eine Ausbildung oder geht zur Fahrschule. Dass bislang nur unzureichende Schulungen für die Nutzung von IWBs veranstaltet werden, liegt also sicher nicht an der modernen Technik selbst. Vielmehr fehlt die Erkenntnis, dass neue Dinge erlernt werden und Lehrer dafür Zeit bekommen müssen. Oftmals mangelt es wahrscheinlich auch an Geld, aber dazu unten mehr.

Technische Überforderung älterer Lehrer
Besonders die älteren Lehrer sind häufig skeptisch und technisch überfordert, heißt es allgemein mit Blick auf die technischen Neuerungen im Lebensraum Schule. Eine Quelle oder überzeugende Belege werden für diese Aussage nie genannt. Die Vermutung rührt sicher daher, dass IWBs bis jetzt oft unbenutzt in Klassenzimmern stehen. Das muss aber nicht am Alter der Lehrer liegen. Ich kenne Großeltern, die auf Facebook posten. Technikangst oder -skepsis mag es geben, lässt sich aber mit guten Schulungen (siehe oben) überwinden.

Entsprechendes Unterrichtsmaterial ist rar
Ich erinnere mich an den Vorteil, dass bereits vorhandenes Unterrichtsmaterial leicht adaptiert sowie neues hergestellt werden kann. Das IWB soll ja nicht zwangsläufig Schulbücher ersetzen. Auch hier gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wird ihre Verwendung an Beliebtheit gewinnen, wird es auch mehr Material dafür geben. Zurzeit mag dieser Punkt zwar ein Grund sein, um bei den alten Tafeln zu bleiben, aber in kürzester Zeit würde es genügend Material für IWBs geben und der Nachteil wäre nicht mehr vorhanden, sofern man den IWBs tatsächlich eine Chance gibt.

Kein gleichzeitiges Beschriften
Die Technik erlaubt es nicht, dass mehrere Kinder gleichzeitig an einer interaktiven Tafel schreiben können. Ich bin der Überzeugung, dass das auch nicht nötig ist. Etwas an die Tafel zu schreiben, ist auch immer eine kleine Präsentation für die restlichen Schüler. Sie folgen dem Lösungsprozess und denken mit. Sicherlich ist das gleichzeitige Beschriften eine Eigenschaft, die man in irgendeinem Szenario anwenden könnte. Dem Unterricht wird sie aber nicht fehlen.

Versehentliche Berührungen
Die versehentlichen Berührungen mit den Händen werden von dem IWB als Druck mit dem Stift wahrgenommen. Damit werden unbeabsichtigt Objekte, Textfelder und weiteres verschoben. Wenn man Kinder bei der Nutzung eines Tablets oder eines Smartphones beobachtet, sieht man, wie geschickt sie sind. Sie lernen intuitiv und dies oft schneller als Erwachsene. Dabei haben diese womöglich jahrelange Erfahrungen damit und zusätzlich sogar einen Blick ins Handbuch geworfen. Das wird in den Schulen vielleicht ein wenig für Erklärungsbedarf sorgen, aber nicht sehr lange.

Falsche Haltung beim Schreiben
Jeder nimmt sich bitte ein Stück Kreide und schreibt damit ein paar Worte an eine herkömmliche Tafel. Setzen Sie dabei ihren Handballen auf? Ziehen sie diesen beim Schreiben mit, um möglichst viel Kreide zu verbrauchen und viele Kratzer zu produzieren? Die meisten Kinder nicht. Vor allem muss man halbe Romane an diese Tafeln (egal ob interaktiv oder nicht) schreiben, um sich eine schlechte Haltung angewöhnen zu können.

Alltägliche Computer-Pannen
Mit einer herkömmlichen Tafel hat man nicht viele Probleme. Sie muss ab und zu gewischt werden und die Kreide kann ausgehen. Sobald ein Rechner involviert ist, steigt die Wahrscheinlichkeit von Pannen steil an. Es soll sogar schon vorgekommen sein, dass die ganze Klasse in heller Aufruhr war, weil sich nichts mehr tat. Erst nach einiger Zeit stellte sich heraus, dass nur das Klassenbuch auf der Tastatur lag. Solche Szenen kenne ich mit Beamern und Fernsehern. Pannen sind immer zeitaufwendig und erschweren den Unterricht – mit mehr Erfahrung werden die Pannen jedoch immer seltener.

Ausrichtung auf Frontalunterricht
Meine Argumentation soll keinesfalls Lehrer angreifen. Allerdings gibt es erschreckend viele, die ihren Unterricht wie einen Monolog führen. Lehrer, die es verstanden haben, wie man Schüler mit einbezieht, gelingt dies mit oder ohne IWB. Das IWB könnte allerdings insofern hilfreich sein, als dass es neue Möglichkeiten für einen interaktiven Unterricht aufzeigt – wenn das Board auch als Arbeitsmittel für Schüler verstanden wird, wenn Abstimmungstools zum Einsatz kommen etc.

Kein hartes Erarbeiten
Haben Sie als Schüler jemals einen Vokabeltest an der Tafel geschrieben? Mit Sicherheit misst man seine Leistung nicht an der Menge des Kreidestaubs, die man sich hinterher an der Hose abwischt. Auch Tafelbilder erstellen, gute Präsentationen halten oder Fragen beantworten haben nichts mit Kreide zu tun. Das Gefühl von harter Arbeit wird bleiben. Auch das nervöse Gefühl, wenn man schwitzend vor allen anderen vorne an der Tafel steht. Das ist sicher eine Tatsache, die niemals von der Digitalisierung ausgeschlossen werden kann.

Gescheiterte Übungsphasen
Einige Schulen testeten IWBs und installierten sie dafür in ihren Klassenräumen. Diese Übungsphase ist leider nicht optimal verlaufen. Daran lässt sich nicht rütteln. Egal, wie viele Nachteile tatsächlich zutrafen, der Unterricht funktionierte nicht. IWBs wurden nicht oder nur wie herkömmliche Whiteboards genutzt. Die Vorteile wurden nicht erkannt oder die Lehrer waren der Meinung, dass vorher doch alles bestens funktioniert hat. Mit dieser Einstellung sind die Boards natürlich auch ohne eine sachliche Abwägung von Pro und Kontra überflüssig.

Zu hohe Kosten
Die Kosten für IWBs übersteigen oft die Schulbudgets. Dazu kommt, dass technische Geräte gewartet werden müssen, sie können kaputt gehen und lassen sich meistens nicht mit einem Päckchen neuer Kreide reparieren. Auch die Schulungen der Lehrer kosten etwas. Die meisten Schulen verfügen nicht über viel Geld, daher ist eine Anschaffung riskant. Vor allem, wenn der Nutzen noch im Dunkeln liegt.

Technikfetischismus
Kinder müssen lernen, mit moderner Technik umzugehen, heißt es auf einer Webseite. Eine andere warnt vor Technikfetischismus. Ich bin der Meinung, dass die meisten Schüler privat schon genug mit technischen Geräten zu tun haben. Viele besitzen Smartphones und Computer, so dass man keine Angst davor zu haben braucht, dass Kinder zu wenig mit moderner Technik in Berührung kommen.

Starke Strahlenbelastung
Der ständige Umgang mit Geräten und Bildschirmen ist ungesund. Das hat aber weniger mit der Strahlenbelastung zu tun, denn sie ist zu gering, um von gesundheitlicher Gefährdung sprechen zu können. Trotzdem wird vor zu langer Nutzungszeit gewarnt. Gründe sind unter anderem die Dauerbelastung für die Augen. Das ist ein Nachteil, der nicht unerheblich ist.

Zu viel Aufwand bei der Unterrichtsvorbereitung
Dadurch, dass Lehrer ihren Unterricht für ein neues Medium aufbereiten müssen, wird die Vorbereitung für Neueinsteiger länger dauern als die Vorbereitung herkömmlicher Tafelbilder. Nachdem sie ihr altes Material digitalisiert haben, können die Lehrer jedoch wie vorher darauf zurückgreifen. Auf manchen IWB-Portalen kann man sich sogar anmelden und untereinander Unterrichtseinheiten austauschen.

Fazit
Vier von insgesamt 14 Kontra-Argumenten kann ich zustimmen. Die gesundheitlichen Nachteile wiegen schwer und sprechen tatsächlich gegen den Einsatz des interaktiven Whiteboards. Auch die vermehrten Technikpannen, die hohen Kosten und die gescheiterte Übungsphase fallen ins Gewicht. Sie sind jedoch der Tatsache geschuldet, dass die interaktiven Whiteboards von Politikern und Bildungspraktikern (noch) nicht wirklich gewünscht sind. Sonst wäre Geld für Wartung und Schulungen da, die Einführungsphase wäre besser vorbereitet und begleitet worden und das Angebot an Fortbildungen und Lehrmaterial würde nicht so stark in der Hand der kommerziellen Anbieter liegen. Bleibt es bei dieser Ausgangslage, plädiere ich für die gute alte Kreidetafel. Siffiges Tafelwasser hin oder her.

Foto: Flickr / ntr23

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