Das Abwägen einer Zweiflerin

CJ Sorg

Als ich zur Schule ging, waren die Tafeln grün. Mir sind noch folgende Worte bekannt: Tafeldienst, Computerraum, Lernkassette und „Johanna, du bist dran, den Fernseher ins Klassenzimmer zu rollen.“ Dementsprechend finde ich die Idee eines Interaktiven Whiteboards (IWB) großartig. Trotzdem kann ich mir einen richtigen Unterricht damit nicht vorstellen. Also setze ich mich selbst der Diskussion rund um die neue Tafel aus, um mir ein Bild zu machen. Bei der Diskussion fallen immer wieder folgende Vorteile auf und die schaue ich mir mal genauer an.

Vermeidung von Kreidestaub
Das ist ein Punkt, der mich leicht überzeugt. Keine staubige Luft mehr und keine Kreidefinger, nachdem man an die Tafel gerufen wurde. Vor allem kein siffiges Kreidewasser, weswegen jeder Schüler ungern „Tafeldienst“ macht. Wichtiger als der Dreck ist natürlich der Faktor der Gesundheit. Der Staub ist so fein, dass er beim Atmen nicht durch die Nasenhärchen abgefangen wird und bis in die Lunge kommt. Das Berliner LAGetSi (Landesamt für Arbeits- und Gesundheitsschutz und technische Sicherheit) fand heraus, dass die Werte in Klassenräumen alarmierend hoch sind und damit gesundheitsgefährdend. Kreide ist nicht der einzige Grund für diesen Feinstaub, aber der Wechsel auf IWBs würde immerhin diese Quelle zum Versiegen bringen.

Einsatz von multimedialen Elementen
Dieser Vorteil klingt brillant, aber ich kann ihn nicht nachvollziehen. Vorausgesetzt ein Gesetz hat nicht in den letzten fünf Jahren seit meinem Abitur sämtliche Beamer, Fernseher, Aufnahmegeräte und Laptops in Schulen verboten. Sämtliche mir bekannten Lehrer waren kompetent genug, um eine Homepage zu öffnen oder eine Audiodatei abzuspielen. Auch mit einem Laptop kann man verschiedene multimediale Elemente einsetzen. Es erschließt sich mir kein Mehrwert eines IWB.

Digitale Tafeln sind platzsparender als viele, einzelne Geräte
Statt große Fernseher in Regalen ins Klassenzimmer zu rollen, verwenden Lehrer die cleveren, weißen Tafeln. Sie lassen ihren CD-Spieler mit der schlechten Qualität im Schrank und drücken nicht mehr verärgert immer wieder auf die Fernbedienung für den Beamer. Das ist ein sinnvolles Argument. Trotzdem sehe ich es noch kritisch. Denn ich habe es noch nie erlebt, dass ein Schüler draußen im Gang sitzen musste, damit der Fernseher ins Klassenzimmer hineinpasst.

Ansprache verschiedener Lerntypen
Auf der Seite philognosie.net erfahre ich, dass es vier Lerntypen gibt, von denen der Mensch immer mehr als ein Typ ist. Manche lernen besonders gut durch Hören, andere durch Sehen. Anderen fällt es leichter durch Gespräche oder Bewegung zu lernen. Besonders optimal sind also Lehrmethoden, die möglichst viele Sinne reizen. IWBs ermöglichen das. Trotzdem stellt sich mir die Frage, weshalb ein Lehrer, der vorher schon nicht auf verschiedene Lerntypen eingegangen ist, es mit der neuen Tafel plötzlich tun sollte.

Das Speichern und Wiederaufrufen von Unterrichtsmaterialien
Wird das erarbeitete Material einer vergangenen Stunde wieder gebraucht, kann der Lehrer es schnell wieder auf die Tafel holen. Das ermöglicht einen guten Überblick über das Erlernte. Außerdem kann die Klasse einen Arbeitsauftrag am Folgetag weiter erarbeiten, ohne die vorigen Notizen zu verlieren. Die gespeicherten Materialien können einfach an kranke Kinder per E-Mail versendet oder von ihnen auf einer Platform heruntergeladen werden. Das ist ein sehr starkes Argument. Kein anderes Gerät ermöglicht diese Eigenschaften und damit überzeugt es mich.

Erleichterung für das Schülerauge
Diese Worte stehen oft in Vorteil-Listen für IWBs, doch nie mit einer Erklärung. Nach langem Nachdenken kam ich darauf, dass es daran liegen könnte, dass die weiße Schrift auf dem dunkelgrünen Hintergrund mit der Zeit anstrengend zu Lesen sein könnte. Obwohl das nicht erklärt, weshalb ein Whiteboard deshalb gleich interaktiv sein muss. Haben diese nicht sogar vergleichsweise große Pixel, die zumindest die Handschrift eher schwerer lesbar machen? Schreibt der Lehrer nicht groß genug, sind einzelne Buchstaben nicht mehr zu erkennen. Was dabei erleichternd sein soll, kann ich mir damit nicht erklären.

Gemeinsamer Unterricht mit einer Klasse im Ausland
Die taz schrieb 2009: „Immer wieder schwärmen Lehrer von der Option, mit einer anderen Klasse im Ausland per Konferenz verbunden zu sein. Tatsächlich ausprobiert hat das aber noch keiner.“ Das mag einige Jahre her sein, aber geändert hat sich daran meines Erachtens nichts. Auch vor dem Zeitalter der IWBs gab es schon Videokonferenzen per Laptop. Theoretisch könnte eine Englisch-Klasse per Skype und Laptop mit einer anderen in London verbunden sein. Gute Idee, es macht nur keiner.

Rasche Änderung der Texte und Objekte
Mir scheint, als hätten die Werbetexter schlichtweg die Tatsache ignoriert, dass es Laptops gibt und dass IWBs immer noch an einen Rechner angeschlossen werden müssen. Damit können sie alles, was dieser Rechner kann. Das schafft vielleicht eine herkömmliche Tafel nicht alleine, aber mit genug Hilfsmitteln nutzen Lehrer diese Tools schon ohne ein IWB. Also kann es unmöglich ein Vorteil sein, Texte und Objekte in ihrer Form und Farbe zu ändern, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Ortsunabhängige Unterrichtsvorbereitung
Das ist sehr gut, denn es wäre tragisch, wenn Lehrer noch bis spät Abends in den Klassenzimmern sitzen und den nächsten Tag vorbereiten müssten. Stattdessen gehen sie nach Hause, setzen sich mit einer Tasse Tee an den Schreibtisch und schalten ihren Laptop an. Moment mal, so war das doch schon vorher!

Die Kinder lieben die IWBs
Die interaktiven Tafeln mit ihren berührbaren Oberflächen erinnern an moderne Geräte wie Tablets und Smartphones. Damit wirkt ein IWB wie ein Spielzeug. An die Tafel gerufen zu werden, erscheint damit nicht mehr wie eine Strafe, sondern wie eine Belohnung. Die Begeisterung trägt sicher dazu bei, dass die Schüler aufmerksamer dem Unterricht folgen. Auch wenn das nur zeitweise so sein sollte, denn die Magie der neuen Technik wird nicht ewig halten, lohnt sich jeder Motivationsansporn.

Aufbau von Medienkompetenz
Obwohl die neue Generation mittlerweile mit digitalen Medien aufwächst, ist das Verständnis dafür dennoch gering. Neben der Fähigkeit, neue Geräte bedienen und nutzen zu können, gibt es auch mit dem IWB die Möglichkeit zu erlernen, wie man Medien gestaltet. Ich persönlich finde es sehr wichtig, dass Kinder lernen, dass technische Geräte nicht nur Spielzeuge sind. Allerdings bringt es den Schülern nicht bei, wie man kritisch mit Medien umgeht. Es ist wichtig, dass ihnen bewusst ist, dass man Informationsquellen hinterfragen muss oder was zum Beispiel Nutzungsrechte bedeuten.

Vereinfachter Zugang zu Informationen
Auch Lehrer wissen nicht alles und es ist ein wichtiger Prozess, dass Kinder mitbekommen, wie Erwachsene mit Nichtwissen umgehen. Der beste Weg ist natürlich das gemeinsame Nachschlagen in einem Lexikon. Oder eben Googeln, wie man das heute nennt. Dazu ist natürlich jedes internetfähige Gerät in der Lage. Die Anzeige auf einer großen Fläche ist praktisch, dennoch muss ich dieses Argument mit der Begründung, dass es wieder einmal von der Leistung eines Laptops abhängt, streichen.

Schüler lernen endlich, richtig zu präsentieren
heißt es.
Das tun Schüler bei herkömmlichen Präsentationsvarianten auch, aber das scheint den Befürwortern der IWB nicht bekannt zu sein. Sie scheinen zu vergessen, dass der Lernerfolg am meisten immer noch von den Lehrern abhängt. Trotz der neuen Tafeln können Schüler sich noch durch Präsentationen mogeln, verschiedene Medien außer Acht lassen und mit freiem Sprechen hat das schon gar nichts zu tun. Einige Schüler könnten eventuell diese Art zu präsentieren ansprechender finden, die anderen wären dann aber außen vor.

Zusammenfassend muss ich feststellen, dass mich von 13 Argumenten nur vier überzeugt haben: Der gesundheitliche Aspekt, dass Materialien wiederholt aufgerufen werden können, die steigende Medienkompetenz und die Schülermotivation, die durch die Technik ausgelöst wird. Dennoch sind diese Argumente sehr stark. Daher muss ich abwarten, ob mich die viel diskutierten Nachteile weiter zweifeln lassen. Aber darum geht es erst beim nächsten Mal.

Foto: Flickr / CJ Sorg

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